In der Saussure-Rezeption ist immer wieder bemängelt worden, dass eine umfassende Biographie Ferdinand de Saussures nicht vorliegt. So betont Thomas M. Scheerer (1980: 1), dass eine Biographie „wissenschaftgeschichtlich schon deswegen von Interesse [ist], weil man guten Grund hat, für die eine oder andere Entwicklung in seinem Denken auch private Motive, zum Beispiel eine ausgeprägte Bescheidenheit und eine gewisse Publikationsscheu, anzunehmen.“
Briefe, Dokumente und Notizen aus dem Saussureschen Nachlass belegen eine gründliche Beschäftigung sowohl mit Fragen, die unmittelbar mit der allgemeinen Sprachwissenschaft zu tun haben, als auch mit Themen aus anderen Bereichen wie der Indoeuropäistik, der Literaturwissenschaft, der Philosophie und der experimentellen Psychologie, die allesamt sein sprachtheoretisches Denken geprägt haben. Die Tatsache, dass diese Dokumente bzw. Notizen zum größten Teil in fragmentarischer Form vorliegen, ist häufig als Indiz für eine „Schwäche“ des Saussureschen Denkens angesehen worden. Ebenso negativ wurden Saussures Zweifel und Vorbehalte gegenüber seinen Vorlesungen zur allgemeinen Sprachwissenschaft bewertet wie auch der Umstand, dass er immer weniger publizierte und nie ein Buch mit dem Gegenstand seiner drei Vorlesungen veröffentlichte. Gerade für diese Publikationsscheu hat man immer wieder Gründe in seiner Biographie oder vielmehr in seinen Charaktereigenschaften gesucht.
Bis heute hat allein Tullio De Mauro eine Kurzbiographie verfasst, die Notes biographiques et critiques sur F. de Saussure, die zusammen mit seinem Kommentar zum Cours de linguisti-que générale – 1967 in italienischer, 1972 in französischer Sprache – erschienen sind. Alle späteren biographischen Darstellungen beruhen – mehr oder weniger – auf den Ausführungen De Mauros. Ferdinand de Saussures Leben ist der Fachgeschichte also bisher bloß in Form einer "Fußnotenbiographie" zugänglich. Das Fehlen einer umfassenden Biographie kann einerseits auf die Inkonsistenz der verfügbaren biographischen Daten sowie andererseits auf den bislang zum Großteil unzugänglichen Nachlass zurückgeführt werden.
Um den allzu häufigen Spekulationen, die zum Teil sogar in einer gewissen Mystifizierung des maître mündeten, vorzubeugen, hat sich das Aachener Projekt zur Aufgabe gemacht, das in der gegenwärtigen Forschung noch vorherrschende Saussure-Bild in wissenschaftlichkritischen Darstellungen zu revidieren und somit biographische Spekulationen weitgehend zurückzuweisen.
Wer war Ferdinand de Saussure?
Saussure gilt als Begründer des Strukturalismus und als solcher wurde er immer wieder von denen zitiert, die sich selbst als Strukturalisten bezeichnen oder bezeichneten; als Strukturalist wurde er auf der anderen Seite von den Gegnern des Strukturalismus kritisiert. Es ist allgemein bekannt, dass dieser Ruhm nicht Saussure selber zu verdanken ist, sondern den Herausgebern des Cours de linguistique générale, Charles Bally und Albert Sechehaye. Nach Saussures Tod (1913) edierten sie den Cours – teilweise unter erheblichen redaktionellen Eingriffen – auf der Grundlage studentischer Mitschriften zu den drei Vorlesungen zur allgemeinen Sprachwissenschaft, die Saussure zwischen 1906 und 1911 in Genf gehalten hatte; die Herausgeber selbst hatten diese Vorlesungen nicht gehört.
Saussure wurde auf diese Weise posthum zum "Vater" der modernen Linguistik, obwohl er nach dem 1878 erschienenen Mémoire sur le système primitif des voyelles dans les langues indoeuropéennes (1879) – außer verstreut publizierten Aufsätzen – kein weiteres Buch veröffentlicht hatte.
>> tabellarischer Lebenslauf de Saussures


