Edition

    Saussure hat zu seinen Lebzeiten zwar viel geschrieben, jedoch vergleichsweise wenig publiziert. Der heute öffentlich zugängliche Teil des Saussureschen Nachlasses ist über verschiedene Bibliotheken verstreut und umfasst etwa 10.000 Blätter mit Notizen, Entwürfen, Briefen und sonstigen Dokumenten. Zusätzlich sind einige tausend Blätter mit Mitschriften von Saussures Schülern, überwiegend zu seinen Genfer Lehrveranstaltungen (1891-1913), vorhanden. Dieses Textkorpus ist bisher nur zu etwa 20% erschlossen und publiziert. Dabei nehmen die kritischen Ausgaben der Schülermitschriften zu den drei Vorlesungen den größten Raum ein; es gibt hingegen kaum Editionen von Saussures eigenen Manuskripten.

    Die bislang vorliegenden Editionen sind allesamt unter den medialen Bedingungen des Buchdrucks entstanden. Dabei erweist sich insbesondere der Zwang zur Linearisierung und Homogenisierung des Textmaterials durch den Buchdruck als problematisch. Vergleicht man nämlich die edierten Texte mit den Manuskripten Saussures, so muss man feststellen, dass es sich bei der gedruckten Form um eine editionsphilologische Fiktion handelt, die den spezifisch heterogenen sowie aphoristischen Charakter der Schriften Saussures letztlich verbirgt.

    Die Überführung der fragmentarischen Texte Saussures in eine linearisierte Form hat außerdem zu einer größtenteils selektiven Rezeption seiner sprachtheoretischen Überlegungen geführt. Insbesondere wurden seine Schriften – und das gilt gleichermaßen für die zu Lebzeiten wie für die posthum publizierten Texte – bislang vornehmlich isoliert, d.h. nicht in ihrem intellektuellen Zusammenhang betrachtet, wodurch die grundlegende Kontinuität der Saussureschen Theoriegenese verdeckt wurde. Wir erachten es deshalb als notwendig, das Textkorpus in seiner Gesamtheit zur Verfügung zu stellen, nicht zuletzt, um Saussures durchgängige Beschäftigung mit grundlegenden semiologischen und erkenntnistheoretischen Fragen aufzeigen zu können.

    Im Webportal Fichier digital Saussurien sollen daher in einer Art work in progress immer mehr Dokumente aus dem Saussureschen Nachlass in elektronischer Form zur Verfügung gestellt werden. Diese teilweise hochgradig fragmentarischen Texte erhalten u.E. in einer elektronischen Edition eine ihnen angemessene Darstellungsform, die den Erstarrungscharakter des linearen Druckes dadurch aufhebt, dass sie unterschiedliche Perspektiven auf die edierten Texte zulässt.

    >> Mehr dazu: Buss/Ghiotti 2001

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